zum Inhalt springen

Sprachdidaktisches Kolloquium

Wintersemester 2019/2020


Das Sprachdidaktische Kolloquium wird gemeinsam vom Institut für Deutsche Sprache und Literatur II der Universität zu Köln und dem Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache ausgerichtet.

Die Veranstaltungen finden jeweils von 18.00 Uhr (wir beginnen pünktlich) bis 19.30 Uhr im Raum S 251 in der Classen-Kappelmann-Straße 24 statt (Einzelne Termine können auch in einem anderen Raum stattfinden. Beachten Sie bitte auch immer die aktuellen Informationen auf den Plakaten und in den Rundmails des Verteilers).

Zu den Veranstaltungen laden wir ausdrücklich auch unsere Studierenden ein.

Gäste sind herzlich willkommen.

Das Sprachdidaktische Kolloquium verfügt über einen E-Mail-Verteiler, über welchen regelmäßig Einladungen zu den entsprechenden Terminen, sowie die Abstracts oder gegebenenfalls kurzfristige Änderungen bekannt gegeben werden. Um sich in diesen Verteiler einzufügen, um ebenfalls per E-Mail informiert zu werden, tragen Sie sich bitte hier in den Verteiler ein.

Abstracts

29.10.2019: Nicole Marx (Köln)

"Zur Debatte um den schulischen Sprach(en)unterricht für Seiteneinsteiger. Anregungen aus Forschung und Praxis"


Deutschlandweit werden schulpflichtige Neuzugewanderte bis zu einem Jahr in Vorbereitungsklassen unterrichtet, wo sie insbesondere sprachlich auf die Aufnahme in den Regelunterricht vorbereitet werden sollen. Im Schuljahr 2018/2019 nahmen alleine in der Bezirksregierung Köln knapp 2.000 solcher Schüler*innen an Vorbereitungsklassen teil; im jetzigen Schuljahr laufen 145 Klassen.

Die Lernwege dieser Lernenden stellen gewissermaßen eine Black Box der Forschung dar: Bislang gibt es in Deutschland keine langfristigen Studien hierzu. Auch die Unterrichtspraxis ist wenig beleuchtet. Hinzu kommt, dass weder curriculare Vorgaben noch genauere Richtlinien mit Bezug auf die erzielte sprachliche und fachliche Entwicklung sowie notwendige Zielniveaus vor dem Übergang in den Regelunterricht bestehen.

Nach einer Beschreibung diverser Schwierigkeiten, die mit der Untersuchung dieser Lernenden einhergehen, geht der Vortrag auf eine Studie zur Lesekompetenz von 135 Neuzugewanderten und 516 Regelschüler*innen in der 7. und 8. Klasse an 15 Schulen in Bremen und Hamburg ein. Im Verlauf der zweijährigen Erhebungszeit konnte gezeigt werden, dass die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen dieser beiden Gruppen bestenfalls bestehen bleibt, und dass diese auch für solche Schüler*innen gilt, die bereits länger im Regelsystem eingegliedert sind. Der Vortrag schließt mit einer Diskussion möglicher Konsequenzen dieser Ergebnisse.

 

26.11.2019: Michael Becker-Mrotzek, Evghenia Goltsev, Sabine Stephany & Valerie Lemke (Köln)

"Schreibflüssigkeit: Konzept - Diagnose - Förderung"

Schreibkompetenz gehört zu den Schlüsselqualifikationen in einer modernen literarisierten Informationsgesellschaft. Eine wesentliche Voraussetzung für eine entwickelte Schreibfähigkeit ist das mühelose Beherrschen der basalen Fertigkeiten: Nur wer Texte flüssig schreiben kann, hat genügend kognitive Kapazitäten für anspruchsvolle Aufgaben wie das Verstehen oder Planen von Texten frei. Das im Rahmen der Bund-Länder-Initiative Bildung durch Sprache und Schrift (BiSS) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt Lese- und Schreibflüssigkeit – Konzeption, Diagnostik, Förderung – befasst sich mit ebendiesen basalen Fertigkeiten. Im Vortrag wird die Schreibflüssigkeit fokussiert. Unter Schreibflüssigkeit verstehen wir nicht nur handschriftliche Flüssigkeit, sondern auch das schnelle, mühelose und korrekte Abrufen und Verschriften von Buchstaben, einzelnen Wörtern und kurzen Sätzen sowie das zügige Formulieren von kohärenten Ideen. Schreibflüssigkeit spielt nicht nur zu Beginn der Grundschulzeit eine wichtige Rolle, auch im weiteren Verlauf der Schulzeit bis weit in die Sekundarstufe hinein kann eine geringe Schreibflüssigkeit verantwortlich dafür sein, dass Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten haben, Texte zu verfassen. Trotz der Relevanz des Themas steht die Schreibflüssigkeit insbesondere im deutschsprachigen Raum bisher weder in der Forschung noch in der Unterrichtspraxis im Fokus. Im Vortrag stellen wir das im Rahmen des Projekts erarbeitete Konstrukt von Schreibflüssigkeit, Messmethoden sowie unser entwickeltes Förderkonzept inklusive der Materialien vor. Das Förderkonzept wurde im Rahmen einer Interventionsstudie mit Pre- und Posttestung erprobt.

 

10.12.2019: Michael Beißwenger (Duisburg-Essen)

"Lernen digital gestalten: Kooperative und aktivierende Konzepte für Lehramtsstudium und Deutschunterricht"

Digitale Technologien bieten große Potenziale für lernendenzentrierte, kooperative und aktivierende Formen des Lernens und dafür, Präsenzlehre durch online-gestützte Erarbeitungsformate zu bereichern. Im Vortrag werden zwei solcher Szenarien aus dem Bereich des Lehramtsstudiums Deutsch und des Deutschunterrichts vorgestellt:

(1)     das online-gestützte Planspiel Ortho & Graf, das, inspiriert von Ideen des Game-based Learning, spielerische Anreize nutzt, um Lernende zu einer eigenaktiven und selbstgesteuerten Auseinandersetzung mit den grammatischen Grundlagen der deutschen Rechtschreibung anzuregen;

(2)     das Konzept Textlabor, in dem Lernende in einem kooperativen Setting und gestützt auf Leitfragen zur Vorbereitung einer intensiven Präsenzdiskussion selbstständig Texte (Fachtexte, literarische Texte) erschließen und sich wechselseitig bei der Texterarbeitung unterstützen.

Beide Szenarien setzen auf eine Verbindung eines geeigneten didiaktischen Settings mit einer dafür passenden Technologie; in beiden Fällen dienen die über digitale Möglichkeiten initiierten Arbeitsformen der Bereicherung des Präsenzunterrichts – also ganz im Sinne von Konzepten des ‚Blended Learning’ oder des ‚Inverted Classroom’. Beide Konzepte wurden mehrfach mit Studierenden in Lehramtsstudiengängen erprobt und evaluiert. Das Konzept Ortho & Graf wurde in einer Schulkooperation im Rahmen des Förderprogramms „Schule in der digitalen Welt“ (https://stifterverband.org/schule-in-der-digitalen-welt) für den Deutschunterricht des Sekundarstufe I angepasst und im Juli 2019 mit Schüler*innen der Klassenstufe 7 eines Gymnasium durchgeführt. Das Konzept Textlabor soll demnächst ebenfalls für den Deutschunterricht angepasst und in der Schule erprobt werden.

Der Vortrag stellt die beiden mediendidaktischen Szenarien vor und berichtet über Erfahrungen mit dem bisherigen Einsatz sowie über die Akzeptanz der Konzepte bei Studierenden, Schüler*innen und den beteiligten Lehrpersonen. Die für den eigenen Einsatz der Konzepte benötigen Technologien und Ressourcen werden zusammen mit Materialien für Lehrpersonen frei als Download zur Verfügung gestellt.

 

14.01.2020: Christa Dürscheid (Zürich)

"Die Kommunikation im Internet - neue Praktiken, alte Fragen?"

Dass über das Internet neue Kommunikationspraktiken möglich sind, wurde in der Medienlinguistik immer wieder betont; bekanntlich gibt es dazu zahlreiche wissenschaftliche Studien und auch einige interessante Unterrichtsvorschläge. Lag in diesen Arbeiten der Schwerpunkt zunächst auf der schriftlichen, quasi-synchronen Kommunikation (z.B. über Messenger-Dienste wie WhatsApp), richtet sich das Augenmerk nun auch auf die Analyse der Kommunikation via Sprachnachrichten. Ein weiterer Aspekt, der mehr und mehr in den Fokus der linguistischen Forschung rückt, ist die Mensch-Maschine-Kommunikation (z.B. das Sprechen mit Alexa oder Siri). In Anbetracht dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, worin sich die neuen und neuesten Kommunikationspraktiken von früheren unterscheiden und welche alten und neuen Forschungsfragen sich daraus ergeben. – Der Vortrag zeigt auf der Basis ausgewählter Beispiele die Kontinuitäten und Disruptionen in der Internetkommunikation auf und schließt mit Anmerkungen zur Thematisierung dieser Entwicklungen im Deutschunterricht.

 

21.01.2020: Steffen Gailberger (Wuppertal)

"Taugt der implizite Autor zur Lesestrategie? Grundzüge einer Didaktik der Poetologischen Differenz zur Förderung der Kohärenzherstellung beim Lesen erzählender Texte im Deutschunterricht"

Literarische Texte stecken voller Zufälle:

  • Rotkäppchen trifft den Wolf (der von ihr erfährt, dass sie auf dem Weg zur kranken Großmutter ist und der dann dort beide fressen kann): Zufall.
  • Glücksmarie fällt in den Brunnen und landet bei Frau Holle (von der sie am Ende der Geschichte mit Gold überschüttet wird): Zufall.
  • Die Königstochter verliert auf leichtsinnige Weise ihren goldenen Ball im Teich (und der Frosch holt ihn ihr wieder heraus, um sich später dann als Königssohn zu entpuppen): Zufall.

Zufälle sind scheinbar dazu da, einen literarischen Text ‚in Gang zu bringen‘ bzw. ihn während der Handlung immer weiter voran zu treiben. Dabei unterscheiden wir zwischen schicksalhaften Zufällen (z.B. ein Autounfall, ein Lottogewinn, eine unerwartete Erbschaft, ein Findlingskind vor der Haustür etc.), gesellschaftlichen Zufällen (eine Beförderung, eine neue Bekanntschaft, eine ungerechte Verurteilung vor Gericht, eine Revolution etc.) sowie naturhaften Zufällen (ein Erdbeben, eine Sturmflut, ein Schneesturm etc.).

Was ließe sich nun aber beim Lesen und Interpretieren im Deutschunterricht für Schülerinnen und Schüler bewirken, wenn sie sich darüber Gedanken machten, dass all die bisherigen Beispiele gar keine Zufälle sind? Wenn sie also vom Autor der jeweiligen Geschichte alles andere als zufällig, sondern intentional, also ganz bewusst, im Text so angelegt wurden, dass die jeweilige Geschichte die Wendung und Endung nimmt, die wir als Leser dann vorfinden und interpretieren können?

Wenn dem so wäre, müssten wir nämlich unterscheiden zwischen dem Auftreten bzw. Vorfinden innerfiktionaler Zufälle einerseits (der Wolf, der Brunnen, der Teich etc.) und der Planung und Realisierung dieser Zufälle durch den Autor (da die im Text entdeckten Zufälle in Wirklichkeit eben keine Zufälle sind, sondern vom Autor als dem Schöpfer der Geschichte bewusst geplante ‚Zufälle‘ darstellen).

Um diese Unterscheidung und ihre Didaktisierung für den Deutschunterricht soll es im Vortrag gehen. Da wir aber nicht hinter den interpretationstheoretischen Forschungsstand zurückfallen und den Schülerinnen und Schülern beibringen können, Texten ausschließlich aus der (zuweilen verzerrenden) Perspektive des Biographismus zu begegnen, bietet es sich hier an,

  • von einem Autor der imaginierten Vorstellung, nach Wayne C. Booth „Impliziter Autor“ genannt, auszugehen,
  • diesen als (erlernbare) Lesestrategie zu modellieren und für den Deutschunterricht schließlich so zu didaktisieren,
  • dass die Suche nach und die Begründung von innerfiktionalen Zufällen auf der einen Seite und die Begründung dieser Zufälle aus außerfiktionaler Sicht zu einer Förderung des kohärenzstiftenden Lesens und Interpretierens im Deutschunterricht führt.

Dem vorzustellenden Forschungsprojekt liegen also folgende Fragen zugrunde, die im Laufe des Vortrags beantwortet werden sollen:

  • Erstens: Was passiert (aus innerfiktionaler Perspektive) aufgrund welcher Zufälle in einem fiktionalen Erzähltext?
  • Zweitens: Warum muss dies (aus außerfiktionaler Perspektive) auf eben diese Weise passieren, damit der literarische Text den Fortlauf und das Ende nehmen kann, die er schließlich nimmt?
  • Und drittens: Inwiefern fördert es die Lese- und Interpretationsleistungen von Schülerinnen und Schülern,

    • wenn sich diese einen „impliziten Autor“ vorstellen, der als imaginierte Instanz am Text (und in diesem Sinne als erlernbare Lesestrategie) für die Unterscheidung von innerfiktionalen Zufällen vs. außerfiktionalen Zufällen ‚zuständig war‘ 
    • und sie durch die Verknüpfung dieser ‚Zufälle‘ aus innerfiktionaler wie aus außerfiktionaler Perspektive stärker auf die notwendige Kohärenzherstellung beim Lesen und Interpretieren von Erzähltexten achten?